Julian – Idyllwild (245 km)

Und wieder 200 Kilometer auf dem Kerbholz

In Julian legten wir 2 „Nero“ – Tage ein. Ok, was ist ein Nero? Ganz einfach: Ein Nero ist ein halber Zero, also ein Tag, an dem man zur Hälfte wandert und zur Hälfte den Beinen eine Pause gönnt und die Haferflocken in die Ecke stellt. Diese ganzen Begrifflichkeiten und Abkürzungen… In der absoluten Crumchtime meiner Vorbereitungen habe ich mir ein Buch bestellt, in dem von A bis Z alle spezifischen Wörter und Begriffe des Pacific Crest Trails erklärt werden. Einerseits habe ich das getan, weil ich übervorbereitet sein wollte, wie es sich für einen deutschen Wanderer gehört, andererseits macht es tatsächlich Sinn, ein wenig in diesen Slang hinein zu kommen. Mein Englisch ist eher miserabel, da kommt so ein lässig hingedroptes „I’m taking a Zero tomorrow“ ganz gut. Es sei noch schnell erwähnt, dass ich mit dem Panikbuchkauf genauso erfolgreich war, was den Lesefortschritt anbelangt, wie mit dem Buch „Hundenamen von A bis Z“, das ich im Jahr 1999 aus ähnlichen Motiven heraus bestellt habe. Unser Hund hieß schließlich Betsy…

Wir nutzten die Zeit in Julian unter anderem, um unsere Ausrüstung neu auszustatten und anzupassen. Neu dabei sind bei mir ein sehr funktioneller Sonnenhut (den Aspekt mit der Eitelkeit erwähnte ich bereits im letzten Beitrag) und eine Eisaxt. Um den Hut kam ich aufgrund der wirklich heftigen Sonne nicht mehr herum. Ich dachte, Kappe und LSF50-Buff sollten reichen, aber das hat sich sehr schnell als Irrtum herausgestellt! Und die Axt… ja die Axt ist so eine Sache. Wie wahrscheinlich ist es, dass ein mitteleuropäischer Städter, der noch nie so ein Teil in der Hand hatte, im Fall der Fälle damit umgehen kann?… Eben! Daher, dachte ich mir, es macht Sinn (bzw. der Verkäufer im Laden pflanzte mir diesen schlauen Gedanken ein), jeden Tag die Bewegung zu üben, die man ausführen muss, wenn man am Eishang ins Rutschen geraten sollte. Und da am uns immer näher kommenden San Jacinto-Pass Schnee gemeldet ist für die kommenden, passt es gerade ganz gut. Sollte ich mir die Eisaxt also nicht zuvor versehentlich bei meinen allabendlichen Survival-Skill-Übungen selbst ins Bein rammen, bin ich gut gewappnet. 💪

Die letzten 2 Wandertage war ich alleine unterwegs und habe auch alleine gezeltet. Ich wollte in Julian ein bisschen früher los als die anderen drei und so startete ich schonmal in Richtung Berge (eher Hügel, aber das klingt nicht so sportlich), während Larissa, Anna und Kevin sich noch vergewissern wollten, ob da unter der Brücke tatsächlich ein paar gute Seelen (Trail Angels 🧚) kostenlos Sandwiches für die Wanderer anbieten (Trail Magic 🧙‍♀️). Und tatsächlich:

Sieht bisschen aus wie der Homburger Flohmarkt, hinten sieht man aber den Kocher!

So machte ich mich neiderfüllt und trotzig mit leerem Magen auf den Weg (was mir wahrscheinlich 1 PS mehr verschafft hat^^). Im Grunde gestaltet sich ein Wandertag auch in der Gruppe nach meiner Erfahrung ohnehin so, dass man sich nur in den Pausen und am Zeltplatz trifft. Jeder läuft sein eigenes Tempo und wenn einer auf den anderen warten muss oder sich gehetzt fühlt, weil er oder sie Schritt halten möchte, bleibt der Spaß am Wandern sehr schnell auf der Strecke. Und die gute Laune ebenfalls. Man kann auch relativ zielsicher vorhersagen, wo man die meisten aus der Gruppe wiedertrifft: an der nächsten Trinkwasserstelle. 🏝 Erinnert mich immer ein bisschen an die Wasserlöcher in der Serengeti.

Dieses Mal hatte ich aber so viel Vorsprung, dass ich beschloss, alleine zu zelten und die drei dann im Laufe der nächsten Tage auf dem Trail wieder zu treffen (während ich die Zeilen hier schreibe, warte ich auf sie in Warner Springs, gutes W-Lan ist auch so ein Wasserloch). Nach knapp 13 Meilen hab ich mir dann ein sehr hübsches Plätzchen auf einer Berkuppe ausgesucht und dort mein Nachtlager aufgeschlagen. Abgesehen davon, dass ich nachts jedes Geräusch draußen einem tollwütigen Puma zugeordnet habe, obwohl es sehr wahrscheinlich ein Streifenhörnchen und/oder der Wind gewesen sein dürfte, verlief die Nacht sehr ruhig.

Mein Nachtlager
und das der anderen 3 Meilen hinter mir

Am Tag darauf traf ich kurz nach Aufbruch eine Gruppe von fünf jungen AmerikanerInnen, mit denen wir im größeren Verbund schon von Beginn an unterwegs sind und die wir regelmäßig wiedertreffen. Die fünf sind gefühlt immer gut drauf (ok, am ersten Tag stand eine halb leere Flasche Whiskey auf ihrem Tisch^^) und begrüßen jeden Ankömmling in einem derart überschwänglichen Jubel, dass einen jedes Mal das Gefühl beschleicht, man hätte irgendetwas Heldenhaftes vollbracht. Wie bei jedem Aufeinandertreffen grundlos mit Stolz erfüllt ging ich also zu ihnen um ein bisschen üblichen PCT-Smalltalk zu betreiben (Literanzahl Wasser im Rucksack, heutiges Ziel, Anzahl der Blasen am Fuß). Doch dann kam es, wie es kommen musste: Ich bekam einen Trailnamen von ihnen verpasst (die Gruppe hat sich irgendwie zur Trailname-Kommission gemausert). Bungee fragte mich, ob ich mit Lifeguard einverstanden wäre. In dem Moment erinnerte ich mich daran, dass Kevin am Tag davor so etwas angedeutet hatte. Ich ahnte demnach schon, dass es weniger mit bemerkenswerten Fähigkeiten in Sachen Lebensrettung, sondern vielmehr mit meiner bescheuerten Zink-Sonnencrème zu tun hat, mit der ich immer wie eine Mischung aus Pennywise, dem Clown von ES und einem burmesischen Freiheitskämpfer daherkomme (in Kombination mit meinem Hut und der Eisaxt würde ich wahrscheinlich vor mir selbst wegrennen). Da das aber ja nicht jeder wissen muss und der Name immer noch besser ist als manch anderer (einer hört auf eine amerikanische Käsesorte, die er gerne isst) nahm ich ihn gerne an. Und am selben Tag an der ersten Wasserstelle brüllten alle „Hey lifeguaaaaaard!“. Es gibt Schlimmeres…

US-Lifeguard 🇺🇸
Deutsche Lifeguard

Nach dem bisher längsten Wandertag (32 Kilometer) schlief ich mit dem Gedanken, wie der Jubel wohl bei „Gouda mild“ ausgefallen wäre, auf einem sehr idyllischen Zeltplatz in Warner Springs friedlich ein.

Und wurde von einem Truthahn geweckt! 🦃

In Warner Springs saß ich dann mit einigen anderen Wanderern am „Community Center“ und wartete auf Larissa, Anna und Kevin. Es gab W-Lan, Steckdosen und sauberes Wasser, also alles, was das Herz zurzeit höher schlagen lässt. Leider wurden wir irgendwann von einer älteren Dame darauf aufmerksam gemacht, dass das Community Center erst um 15 Uhr betreten werden darf. Und warum? Ganz einfach: Gegenüber befindet sich eine Schule und scheinbar gab es Beschwerden seitens der Eltern über den Anblick dieser dreckigen, seltsam riechenden Gestalten auf dem Gelände gegenüber. Denn hier kommt der nächste Begriff: Man nennt die PCT-Wanderer hierzulande auch Hiker Trash. Wenn ich so an mir runter schaue und mal ganz tief einatme, hält sich die Empörung auch jetzt noch in Grenzen. 🤭

Also verlegte der Hiker Trash seinen Pausenort auf die Wiese der örtlichen Feuerwehr und lungerte dort herum.

Die nächsten 2 Tage hatten es dann in sich. Um auf das angepeilte Pensum von 20 Meilen pro Tag (ca. 30 Kilometer) zu kommen, versuchten wir, die 10-before-10-Strategie umzusetzen, also 10 Meilen bis 10 Uhr wandern, dann lange Mittagspause einlegen und später in der Nachmittagssonne nochmal 10 Meilen. So umgeht man die brachiale Mittagshitze und gönnt dem Körper (der sich wahrscheinlich ohnehin gerade fragt, womit er das hier alles verdient hat) Zeit zur Regeneration. Nachteil bei der Sache: in der Kälte und Dunkelheit um 5 Uhr aufstehen. Vorteil:

Die Sonnenaufgänge in der Wüste!

Für die nächsten Tage mussten alle Wanderer ihre Pläne ändern. Ursprünglich wollten auch wir zuerst über den San-Jacinto-Pass gehen und dann einen Pausentag einlegen. Nun hat sich allerdings ein Blizzard (langweilige Übersetzung: Schneesturm) angekündigt, sodass im Grunde alle PCT-ler per Anhalter in das kleine Städtchen Idyllwild gefahren sind, um dort 1-2 Tage den Sturm auszusitzen. Wir wurden von einem älteren Trail Angel namens GRUMPY mitgenommen. Der Name offenbarte sich erst für uns, als er andere Autofahrer, die ihm scheinbar die Vorfahrt nahmen, dermaßen anschrie und beschimpfte, dass ich kurz mal den Türgriff in Augenschein nahm. 👀 Grumpy dürfte auch der erste Mensch sein (vermute ich jetzt einfach mal ins Blaue), der mal einen Puma überfahren hat, was er uns nicht ohne Stolz in der Stimme offenbarte, nachdem Anna ihn fragte, ob er schonmal einen Puma gesehen hätte.

(noch) gut gelaunter Grumpy

Nun sitzen wir alle gemütlich in einer kleinen Hütte in Idyllwild, lassen den lieben Gott einen guten Mann sein und besprechen die wichtigen Dinge des Lebens. Heute Morgen beim Frühstück habe ich Kevin beispielsweise die Zusammenhänge zwischen Hash Browns und Dibbelabbes erklärt.

Und nun zum Schluss noch ein paar Bilder. Ich bitte alle Koyoten-Zweifler bei den 3 ersten genau hin zu sehen! ☝️

6 Kommentare

  1. Hanna sagt:

    Das macht so Spaß zu lesen … Ringodini… echt toll! Ich würde am liebsten auch direkt los wandern …!
    Pass weiterhin gut auf dich auf 😘

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    1. Philip Rings sagt:

      Danke Hanna! 🙋‍♂️

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    2. Philip Rings sagt:

      Beim nächsten Mal kommste mit

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  2. Papa sagt:

    Deutscher lifeguard – ich lache immer noch 😂

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  3. Ingeborg sagt:

    Das klingt wirklich phantastisch. Es liest sichspanend und humorvoll und macht Lust auf mehr

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    1. Philip Rings sagt:

      Danke Ingeborg 🙂

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