Ridgecrest – Kennedy Meadows (502 Kilometer)

"Und weiter geht der Lachs"
T. Boyd
Kilometer 500 geknackt

Hello again! Meine Entzündung im Schienbein hatte sich trotz eigener gegenteiliger Prognose (10 Semester Google-Medizinstudium sollten als Qualifikation eigentlich genügen) leider doch hartnäckiger gehalten als gedacht, sodass ich die letzten 14 Tage mehr oder weniger flach lag. Eine Woche verbrachte ich in Big Bear Lake und eine weitere in San Bernardino, um mich dort röntgen zu lassen und eine Fraktur oder Ähnliches auszuschließen. Da ich diese Tage im Großen und Ganzen mit Essen und Herumliegen verbracht habe (kleiner Flashback in die Landauer Studentenzeit ❤️), gab es hier im Blog nicht viel zu berichten und dachte ich mir, ich tu uns allen einen Gefallen, verzichte auf detaillierte Beschreibungen meines kurzzeitigen Dahinsiechens und warte, bis es wieder auf den Trail zurück geht.

Ok, vielleicht eine Sache… In Big Bear Lake gibt es ein Laden, der einen interessanten Wettbewerb ausruft: Wer es schafft, innerhalb einer Stunde 6 Pfannkuchen in Pizzagröße zu vertilgen, bekommt 50 Dollar und ein eingerahmtes Foto an der Wand! Anna hat es versucht und nach einem halben aufgegeben. Ein Kriegsveteran (dem Alter entsprechend tippe ich auf Korea), der hinter uns saß, zollte ihr dennoch seinen Respekt.

Das war es dann auch schon an berichtenswerten Ereignissen aus den letzten 2 Wochen.

Meinem Schienbein geht es nun wieder gut, ich habe die Schuhe gewechselt, bin wieder auf die bewährten deutschen Wanderstiefel umgestiegen und habe nach längerer Überlegung zusammen mit Anna entschieden, einen Sprung nach vorne zu machen, sodass wir jetzt schon in die Sierra starten. Annas Visum läuft in knapp einem Monat ab und ich erwarte Ende Mai meinen Kumpel Flo hier auf dem Trail, der dann die Section in Nordkalifornien mitwandern wird. Spätestens bis dahin müssen wir also durch sein mit der Sierra. Nachdem ich nun 14 Tage fast keinen Meter laufen konnte, wäre das alles sehr knapp geworden. Daher die Entscheidung, zu schummeln. Was so allerdings auch nicht ganz stimmt, da ich lediglich einen Flip Flop mache. Das bedeutet, ich überspringe einen Teil und hole diesen dann am Ende nach. So handhaben es die wahren Puristen. Ob ich so einer bin, sehen wir dann im August. Was die Spendenaktion angeht, wird natürlich nicht geschummelt, da werden nur die Kilometer gezählt, die ich wirklich gelaufen bin. ☝️

Ein Highlight gab es dann aber tatsächlich noch vor 3 Tagen. Kevin, der die Wanderung verletzungsbedingt leider unterbrechen musste und schon seit 3 Wochen wieder zuhause in San Francisco war, kam den weiten Weg von dort runter, um noch ein bisschen Zeit mit uns zu verbringen und uns mit seinem Auto von San Bernardino nach Ridgecrest zu bringen, was der Ausgangspunkt unseres Comebacks sein würde. Bedenkt man, dass allein die Hinfahrt für ihn schon über 7 Stunden dauerte, war Kevin an dem Wochenende für uns ein sehr exklusiver Trailangel. Vielleicht schon fast ein Erztrailangel. 🕊️ Aus einem Gefühl tiefer Dankbarkeit heraus habe ich ihn dann 2 Mal hintereinander im Kniffel gewinnen lassen.

Und wie das einführende Zitat eines bekannten Kaiserslauterer Philosophen schon verdeutlicht hat: Es geht endlich weiter! Und das gleich in der High Sierra, dem Filetstück des Pacific Crest Trails. Die Section erstreckt sich von Kennedy Meadows bis Lake Tahoe und führt uns gleich in der ersten Woche über den höchsten Punkt des gesamten PCT, den Forester Pass (4300 Meter). Die 14 Pässe, die dann noch folgen, haben eine ähnliche Höhe, was die nächsten Wochen ziemlich sportlich gestalten dürfte. Und es wird eisig! Man hört immer wieder, dass dort die Mahlzeiten eher kalt gegessen wird (Cold Soaking), da man den Gaskocher zum Aufwärmen der gefrorenen Socken braucht. Und wo wir schon beim Essen sind: ab jetzt müssen wir immer Lebensmittel für knapp 8-9 Tage in die Rucksäcke packen, da die Ortschaften sehr rar gesät sein werden, in denen man die Vorräte aufstocken kann. Alles in allem also ein richtig schöner Urlaub, der uns bevorsteht! 🥰

Was dem Rucksack auch noch ein bisschen mehr Gewicht und den Nächten umso mehr Spannung verleiht, ist ein Equipment, das wir ab jetzt per Gesetz mit uns führen müssen: Der Bärenkanister 🐻

Alle Lebensmittel und Düfte verströmenden Dinge wie Zahnpasta, Sonnencrėme etc. müssen von nun an nachts in dieses Teil gepackt und in einer Entfernung mindestens 200 vom Zelt entfernt abgelegt werden. Und warum der ganze Stress? Richtig vermutet: wir wandern die nächsten Wochen im Bärengebiet und alles, was den braunen Zottel anlocken könnte, sollte möglichst weit entfernt sein in der Nacht. Dieser Kanister ist so konstruiert, dass kein Bär dieser Welt (von den Versuchen gibt es ein paar Youtube-Videos) und Anna Hautmann (von diesen kläglichen Versuchen wahrscheinlich demnächst ebenfalls) ihn öffnen können. Es ist natürlich einerseits tröstlich, alle Schokoriegel und Instantnudeln in Sicherheit zu wissen, die Prozedur in der Abenddämmerung, wenn man das Ding hinter die Büsche trägt, hinterlässt aber auch ein mulmiges Gefühl. Am Ende entscheidet der halbgar gespülte Topf über Bär oder nicht Bär vorm Zelteingang… In der ersten Nacht bin ich gegen 2.30 Uhr mit Herzklopfen hoch geschreckt, weil ich mir sicher war, dass sich da gerade etwas Schweres durch die Büsche auf uns zu bewegt! Es war dann aber doch nur Anna, die sich im Nachbarzelt umgedreht hatte. Ich muss mit ihr über die Geräuschproduktion ihrer Isomatte sprechen. Dringend!

Bevor es dann morgen in die Berge geht, hier noch ein paar Bilder der letzten Tage und den Survival-Tipp der Woche (der so tatsächlich überall reklamiert wird!):

Sollte man unvorhergesehen auf einen Bären treffen, dann sollte man sich möglichst groß machen (Wanderstöcke hoch), nicht umdrehen und in einem lauten und bestimmenden Ton mit ihm sprechen. So als wäre er ein Hund.

Ob ich in einer solchen Situation wirklich derart souverän reagiere, wird man dann sehen. Normalerweise treiben mir schon mittelgroße Bauernhofhunde Schweißperlen auf die Stirn. Aber die Stöcke hab ich immer dabei und das Mantra „Du bist ein Rauhaardackel, du bist nur ein kleiner Rauhaardackel!“ ist fest eingeprägt!

4 Kommentare

  1. Hermann sagt:

    Hallo lieber Philip,
    ach, ist das so schön endlich wieder von dir zu lesen. Und noch schöner und wichtiger für dich ist, dass du endlich weitergehen kannst. Ich meine, da hast du eine gute Lösung zum Weiterwandern gefunden. Ob es dann wirklich ein Flip Flop wird….. Na ja.
    Für alle Bärenbegegnungen bist du ja nun bestens gewappnet. Denk dran, dass du im Fall der Fälle mit dem Bären (oder Rauhaardackel) englisch spechen musst. Ganz viel Freude auf den nun kommenden Passagen für dich und deine treue Begleitung! Bleib gesund! Wir denken oft an dich und in unseren Gesprächen bist du oft zugegen.
    Alles Liebe Ute und Hermann

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    1. Philip Rings sagt:

      Danke euch beiden! Hoffentlich scheitert meine Bärenkonfrontation dann nicht an meinen Englischkenntnissen 😁 Liebe Grüße aus Kennedy Meadows und ein schönes Wochenende!

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  2. Astrid Doerr sagt:

    Hallo Herr Rings,
    Wie schön dass es weiter geht und vor allem, dass es Ihnen wieder gut geht,
    Weiterhin viel Glück und viele tolle Erfahrungen für Sie und die Mitstreiter
    Astrid Dörr/ DKV Homburg

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    1. Philip Rings sagt:

      Danke Frau Dörr!

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