Mammoth Lakes – Sonora Pass (1133 Kilometer)

Die 1000 Kilometer sind geknackt!

Hello again! Nach 8 Tagen hat uns die Wildnis wieder in die Zivilisation entlassen. Von Mammoth Lakes ging es über Tuolumne Meadows quer durch den Yosemite Park bis zum Sonora Pass, womit die Sierra-Section offiziell beendet ist. Nun sitzen wir in Kennedy Meadows North (nicht zu verwechseln mit dem anderen Kennedys Meadows im Süden, hier im Norden ist die Cowboy-Dichte etwas höher), trinken kaltes Budweiser und blicken mit Verwunderung (und auch etwas Ekel^^) auf unsere Füße, die uns in den letzten 8 Tagen 174 Kilometer weit getragen haben. Einer in der Runde stöhnt (und weint fast) bei jedem Schritt, weil er sich in Mammoth Lakes wie Herkules gefühlt und den Rucksack wahllos mit Essen vollgestopft hat und sein Rücken nach 3 Tagen mit „Du Trottel, nimm das!“ seine Meinung dazu kund tat. Am Ende schleppte ich mich wirklich auf der letzten Rille über den Sonora-Pass. Ob das Kilo Käse, der Sack Trockenwürstchen und die Familienpackung M&M’s ein Fehler waren? Ich glaube nicht… 🤭

Kennedy Meadows North

Die Etappen und Passüberquerungen waren dieses Mal nicht ganz so wild und abenteuerlich wie beim letzten Mal, dafür die Landschaft noch ein bisschen malerischer. Wie gesagt ging es fast ausschließlich durch den gesamten Yosemite Park, der so wunderschöne Landschaften in sich birgt, dass man gelegentlich denkt „Ach komm Natur, fahr runter, das ist jetzt wirklich kitschig!“ Hier ein paar Beispiele:

Jedes Foto ein chinesisches Wandbrunnenbild für sich! 🙂

Wie sehr den Amerikanern ihre unberührte Natur am Herzen liegt, durften wir dann eines Tages direkt erfahren! Als wir aus Tuolumne Meadows aufbrachen, war es Abend und wir hatten nur noch das Ziel, schnell einen Zeltplatz zu finden, um unser Lager aufzuschlagen. Nun muss erwähnt werden, dass es in besagtem Tuolumne Meadows ein kleines Geschäft gibt, was für uns die Gelegenheit zu mehreren Runden Kniffel und dem ein oder anderen Kaltgetränk bot. Die wir nach verrichtetem Tagwerk natürlich ergriffen. Ich erwähne das deshalb, da dies für uns die einzig schlüssige Erklärung war, weshalb wir die zahlreichen Schilder mit der Aufschrift „Im Umkreis von 8 Kilometern nicht zelten!“ übersehen hatten und uns sehr glücklich über diesen tollen Zeltplatz mitten in ein geschütztes Naturreservat pflanzten!

„Ey Flo, schau mal, was für ein geiler Spot!“

„Eijo, ab hin!“

Die böse Überraschung kam dann am nächsten Morgen in Gestalt zweier Ranger, die uns höflich bei unserem Frühstück unterbrachen, die Permits und Ausweise kontrollierten und uns schließlich eine Geldstrafe von 230 Dollar präsentierten. Diese nahmen wir natürlich klaglos und beschämt hin. Ich hatte zwischenzeitlich sogar mit mehr gerechnet… Hier ein Bild vom Vorabend, als die Welt noch in Ordnung war an unserem vermeintlichen Deluxe-Campingplatz:

Von diesem kleinen Dämpfer erholt, packten wir schnell alles in die Rucksäcke und schauten zu, dass wir so schnell wie möglich zurück auf den PCT kamen, nicht wissend (und hier spreche ich nur für mich), dass der Tag noch mehr Aufregung bieten sollte!

Als Flo und ich (Anna war ein kleines Stückchen hinter uns) nachmittags eine kleine Pause eingelegt hatten, zog sich der Himmel bedrohlich zu und die Wolken hinter den Bergen wurden immer dunkler. Wir wussten, dass noch ein gutes Stück vor uns lag bis zum anvisierten Zeltplatz, also legten wir einen Zahn zu. Über ein paar große Felsen ging es in einen Wald hinein, Flo lief knapp 100 Meter vor mir. Es begann zu regnen und zu donnern. Ich blieb kurz stehen, um etwas auf meinem Handy nachzuschauen, lief langsam weiter, hob den Kopf und plötzlich stand da in knapp 150 Meter Entfernung nicht Flo, sondern: Ein Bär! Mitten auf dem Weg. Ich wusste nicht, was ich tun soll und machte daher erst einmal genau das Falsche, indem ich zurück lief und ihm meinen Rücken zudrehte. Dann rief ich mir das 1×1 der Bären-Konfrontation ins Gedächtnis (treue Leser dieses Blogs erinnern sich), lief wieder langsam zurück, plärrte minutenlang „Schalalalala“ durch den Wald und schlug dabei meine Wanderstöcke aufeinander. Der Bär nahm davon sichtlich keine Notiz und schlenderte gemütlich weiter in die Wälder. Während mir in dem Moment „Wahnsinn, wie furchtlos ich bin!“ durch den Kopf schoss, dachte der Bär mit großer Wahrscheinlichkeit „Armer Irrer.“ Hier 2 Bilder, die leider nicht sonderlich gut geworden sind, da ich mich erst aus sicherer Entfernung getraut habe, das Handy zu zücken.

Ich schloss dann nach einer knappen Minute zu Flo auf, der von alldem nichts mitbekommen hatte! Dabei muss der Bär direkt hinter ihm über den Weg gelaufen sein. Wahrscheinlich war der Gute zu sehr in seinen Tennis-Podcast vertieft. Als Anna nach einer kurzen Weile bei uns ankam, beratschlagten wir, was wir nun tun sollten, da es immer heftiger zu blitzen und zu donnern begann und knapp hinter dem Waldstück eine Lichtung kommen sollte. Mit den Eisäxten und Wanderstöcken kann so eine Wetterlage gefährlich werden. Andererseits war da ja noch Gevatter Bär irgendwo in der Gegend… 🤔 Wir entschieden uns schließlich für die Option Wald, stellten unsere Sachen in sicherer Entfernung unter und harrten unter einer kleinen Baumgruppe aus bis das Unwetter vorüber war. Natürlich abwechselnd singend, pfeifend und klatschend, um den Bär auf uns aufmerksam zu machen. Ob der aber überhaupt Lust hatte, drei deutschen Touristen, die bei Regen, Blitz und Donner unter einem Tannenbaum Freude schöner Götterfunken pfeifen und dabei halb rhythmisch mit den Wanderstöcken aufeinander schlagen? Antwort: Nope!

So blieb ich schließlich der einzig Glückliche in der Gruppe, der am Ende seinen Bären-Frieden machen durfte.

Am Ende?

Ja genau, die Wanderung ist hiermit leider schon vorbei. Zur Erklärung ein kurzer Auszug eines Dialogs zwischen mir und einer Grenzbeamtin in Austin nach der Einreise aus Costa Rica Ende Mai:

Beamtin: Wieso reisen sie 6 Monate durch die USA? Das ist zu lange.

Ich: Ich wandere auf dem Pacific Crest Trail. Und ich habe ja das B2-Visum. Daher die 6 Monate.

Beamtin: Bilden Sie sich nicht ein, dass das ein Automatismus wäre! Ich kann sie auch jetzt des Landes verweisen, wenn ich möchte. Trotz B2-Visum. Sie können nicht so lange bleiben!

Ich: Aber jeder Wanderer aus Europa hat die Erlaubnis für 6 Monate.

Beamtin: Ich kenne diesen Wanderweg nicht und ich möchte nicht, dass Sie bis September in den Vereinigten Staaten bleiben. Ich trage Ihnen Ende Juli ein.

Ich: Ah ja ok…

Und dann war da plötzlich dieser Stempel.

Wer hätte gedacht, dass mir nach dem Forester, dem Kearsarge, dem John-Muir und allen anderen 14 Pässen letzten Endes der gute alte Reisepass zum größten Verhängnis werden sollte. Ich war nach dem Gespräch fassungslos und konnte mir nicht erklären, wie es dazu kam. Letzten Endes musste mir als Erklärung reichen, dass die Dame einen schlechten Tag hatte und ich Pech.

Ab dem Moment war allerdings klar, dass ich nach 6 Wochen Verletzungspause und Frist bis Ende Juli nicht weiter kommen würde als maximal Nordkalifornien. Daher traf ich damals schon die Entscheidung, noch die High Sierra mit Anna und Flo zu durchwandern und dann mit den beiden zurück zu fliegen. Mitte Juli geht es dann weiter auf dem Giant’s Trail in den italienischen Alpen, allerdings ohne Wanderblog, der an dieser Stelle sein letztes Kapitel erlebt.

Danke für all die netten Worte und Kommentare, die ich hier immer wieder lesen durfte. Das allein war der Ansporn, dass ich es (entgegen meiner eigenen Prognose) tatsächlich geschafft habe, den Blog zu Ende zu schreiben und nicht nach einer Woche der Schlendrian Einzug hielt. Was die Spendenaktion für das Kinderhospiz Sterntaler angeht, sind jetzt 1100 Kilometer eingeloggt. Nicht ganz die anvisierten 4000, aber immerhin… 🙂 Danke schonmal an all die bisherigen Spender, es waren sogar Sammlungen von Taufen und Hochzeiten mit dabei!

Wer noch Fragen zum PCT, Shin Splints oder souveränes Verhalten bei Bärenkontakt hat, darf sich gerne jederzeit bei mir melden. Bis dahin viele Grüße und bis bald!

Hier noch ein paar Bilder der letzten Tage:

4 Kommentare

  1. Tobias Modrach sagt:

    Vielen Dank für diese wunderbare Reisebegleitung.
    Beste Grüße aus Magdeburg
    Tobias

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    1. Philip Rings sagt:

      Gerne gerne 🙂

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  2. Jessica Engel sagt:

    Was macht eigentlich der Philip hab ich mich vor kurzem mit einer Kollegin gefragt. Und siehe da, das Internet weiß wirklich alles 🙂 Toll hier von deiner Wanderung zu lesen und die Bilder sind sehr beeindruckend. Respekt!! 💪Weiterhin starke Füße und gute Aussichten auch auf europäischerSeite! Grüße Jessi

    Gefällt 1 Person

    1. Philip Rings sagt:

      Danke Jessi! Mittlerweile bin ich aber auch wieder auf dem europäischen Festland angekommen 🙂 Liebe Grüße nach Schlierbach

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