Mammoth Lakes – Sonora Pass (1133 Kilometer)

Die 1000 Kilometer sind geknackt!

Hello again! Nach 8 Tagen hat uns die Wildnis wieder in die Zivilisation entlassen. Von Mammoth Lakes ging es über Tuolumne Meadows quer durch den Yosemite Park bis zum Sonora Pass, womit die Sierra-Section offiziell beendet ist. Nun sitzen wir in Kennedy Meadows North (nicht zu verwechseln mit dem anderen Kennedys Meadows im Süden, hier im Norden ist die Cowboy-Dichte etwas höher), trinken kaltes Budweiser und blicken mit Verwunderung (und auch etwas Ekel^^) auf unsere Füße, die uns in den letzten 8 Tagen 174 Kilometer weit getragen haben. Einer in der Runde stöhnt (und weint fast) bei jedem Schritt, weil er sich in Mammoth Lakes wie Herkules gefühlt und den Rucksack wahllos mit Essen vollgestopft hat und sein Rücken nach 3 Tagen mit „Du Trottel, nimm das!“ seine Meinung dazu kund tat. Am Ende schleppte ich mich wirklich auf der letzten Rille über den Sonora-Pass. Ob das Kilo Käse, der Sack Trockenwürstchen und die Familienpackung M&M’s ein Fehler waren? Ich glaube nicht… 🤭

Kennedy Meadows North

Die Etappen und Passüberquerungen waren dieses Mal nicht ganz so wild und abenteuerlich wie beim letzten Mal, dafür die Landschaft noch ein bisschen malerischer. Wie gesagt ging es fast ausschließlich durch den gesamten Yosemite Park, der so wunderschöne Landschaften in sich birgt, dass man gelegentlich denkt „Ach komm Natur, fahr runter, das ist jetzt wirklich kitschig!“ Hier ein paar Beispiele:

Jedes Foto ein chinesisches Wandbrunnenbild für sich! 🙂

Wie sehr den Amerikanern ihre unberührte Natur am Herzen liegt, durften wir dann eines Tages direkt erfahren! Als wir aus Tuolumne Meadows aufbrachen, war es Abend und wir hatten nur noch das Ziel, schnell einen Zeltplatz zu finden, um unser Lager aufzuschlagen. Nun muss erwähnt werden, dass es in besagtem Tuolumne Meadows ein kleines Geschäft gibt, was für uns die Gelegenheit zu mehreren Runden Kniffel und dem ein oder anderen Kaltgetränk bot. Die wir nach verrichtetem Tagwerk natürlich ergriffen. Ich erwähne das deshalb, da dies für uns die einzig schlüssige Erklärung war, weshalb wir die zahlreichen Schilder mit der Aufschrift „Im Umkreis von 8 Kilometern nicht zelten!“ übersehen hatten und uns sehr glücklich über diesen tollen Zeltplatz mitten in ein geschütztes Naturreservat pflanzten!

„Ey Flo, schau mal, was für ein geiler Spot!“

„Eijo, ab hin!“

Die böse Überraschung kam dann am nächsten Morgen in Gestalt zweier Ranger, die uns höflich bei unserem Frühstück unterbrachen, die Permits und Ausweise kontrollierten und uns schließlich eine Geldstrafe von 230 Dollar präsentierten. Diese nahmen wir natürlich klaglos und beschämt hin. Ich hatte zwischenzeitlich sogar mit mehr gerechnet… Hier ein Bild vom Vorabend, als die Welt noch in Ordnung war an unserem vermeintlichen Deluxe-Campingplatz:

Von diesem kleinen Dämpfer erholt, packten wir schnell alles in die Rucksäcke und schauten zu, dass wir so schnell wie möglich zurück auf den PCT kamen, nicht wissend (und hier spreche ich nur für mich), dass der Tag noch mehr Aufregung bieten sollte!

Als Flo und ich (Anna war ein kleines Stückchen hinter uns) nachmittags eine kleine Pause eingelegt hatten, zog sich der Himmel bedrohlich zu und die Wolken hinter den Bergen wurden immer dunkler. Wir wussten, dass noch ein gutes Stück vor uns lag bis zum anvisierten Zeltplatz, also legten wir einen Zahn zu. Über ein paar große Felsen ging es in einen Wald hinein, Flo lief knapp 100 Meter vor mir. Es begann zu regnen und zu donnern. Ich blieb kurz stehen, um etwas auf meinem Handy nachzuschauen, lief langsam weiter, hob den Kopf und plötzlich stand da in knapp 150 Meter Entfernung nicht Flo, sondern: Ein Bär! Mitten auf dem Weg. Ich wusste nicht, was ich tun soll und machte daher erst einmal genau das Falsche, indem ich zurück lief und ihm meinen Rücken zudrehte. Dann rief ich mir das 1×1 der Bären-Konfrontation ins Gedächtnis (treue Leser dieses Blogs erinnern sich), lief wieder langsam zurück, plärrte minutenlang „Schalalalala“ durch den Wald und schlug dabei meine Wanderstöcke aufeinander. Der Bär nahm davon sichtlich keine Notiz und schlenderte gemütlich weiter in die Wälder. Während mir in dem Moment „Wahnsinn, wie furchtlos ich bin!“ durch den Kopf schoss, dachte der Bär mit großer Wahrscheinlichkeit „Armer Irrer.“ Hier 2 Bilder, die leider nicht sonderlich gut geworden sind, da ich mich erst aus sicherer Entfernung getraut habe, das Handy zu zücken.

Ich schloss dann nach einer knappen Minute zu Flo auf, der von alldem nichts mitbekommen hatte! Dabei muss der Bär direkt hinter ihm über den Weg gelaufen sein. Wahrscheinlich war der Gute zu sehr in seinen Tennis-Podcast vertieft. Als Anna nach einer kurzen Weile bei uns ankam, beratschlagten wir, was wir nun tun sollten, da es immer heftiger zu blitzen und zu donnern begann und knapp hinter dem Waldstück eine Lichtung kommen sollte. Mit den Eisäxten und Wanderstöcken kann so eine Wetterlage gefährlich werden. Andererseits war da ja noch Gevatter Bär irgendwo in der Gegend… 🤔 Wir entschieden uns schließlich für die Option Wald, stellten unsere Sachen in sicherer Entfernung unter und harrten unter einer kleinen Baumgruppe aus bis das Unwetter vorüber war. Natürlich abwechselnd singend, pfeifend und klatschend, um den Bär auf uns aufmerksam zu machen. Ob der aber überhaupt Lust hatte, drei deutschen Touristen, die bei Regen, Blitz und Donner unter einem Tannenbaum Freude schöner Götterfunken pfeifen und dabei halb rhythmisch mit den Wanderstöcken aufeinander schlagen? Antwort: Nope!

So blieb ich schließlich der einzig Glückliche in der Gruppe, der am Ende seinen Bären-Frieden machen durfte.

Am Ende?

Ja genau, die Wanderung ist hiermit leider schon vorbei. Zur Erklärung ein kurzer Auszug eines Dialogs zwischen mir und einer Grenzbeamtin in Austin nach der Einreise aus Costa Rica Ende Mai:

Beamtin: Wieso reisen sie 6 Monate durch die USA? Das ist zu lange.

Ich: Ich wandere auf dem Pacific Crest Trail. Und ich habe ja das B2-Visum. Daher die 6 Monate.

Beamtin: Bilden Sie sich nicht ein, dass das ein Automatismus wäre! Ich kann sie auch jetzt des Landes verweisen, wenn ich möchte. Trotz B2-Visum. Sie können nicht so lange bleiben!

Ich: Aber jeder Wanderer aus Europa hat die Erlaubnis für 6 Monate.

Beamtin: Ich kenne diesen Wanderweg nicht und ich möchte nicht, dass Sie bis September in den Vereinigten Staaten bleiben. Ich trage Ihnen Ende Juli ein.

Ich: Ah ja ok…

Und dann war da plötzlich dieser Stempel.

Wer hätte gedacht, dass mir nach dem Forester, dem Kearsarge, dem John-Muir und allen anderen 14 Pässen letzten Endes der gute alte Reisepass zum größten Verhängnis werden sollte. Ich war nach dem Gespräch fassungslos und konnte mir nicht erklären, wie es dazu kam. Letzten Endes musste mir als Erklärung reichen, dass die Dame einen schlechten Tag hatte und ich Pech.

Ab dem Moment war allerdings klar, dass ich nach 6 Wochen Verletzungspause und Frist bis Ende Juli nicht weiter kommen würde als maximal Nordkalifornien. Daher traf ich damals schon die Entscheidung, noch die High Sierra mit Anna und Flo zu durchwandern und dann mit den beiden zurück zu fliegen. Mitte Juli geht es dann weiter auf dem Giant’s Trail in den italienischen Alpen, allerdings ohne Wanderblog, der an dieser Stelle sein letztes Kapitel erlebt.

Danke für all die netten Worte und Kommentare, die ich hier immer wieder lesen durfte. Das allein war der Ansporn, dass ich es (entgegen meiner eigenen Prognose) tatsächlich geschafft habe, den Blog zu Ende zu schreiben und nicht nach einer Woche der Schlendrian Einzug hielt. Was die Spendenaktion für das Kinderhospiz Sterntaler angeht, sind jetzt 1100 Kilometer eingeloggt. Nicht ganz die anvisierten 4000, aber immerhin… 🙂 Danke schonmal an all die bisherigen Spender, es waren sogar Sammlungen von Taufen und Hochzeiten mit dabei!

Wer noch Fragen zum PCT, Shin Splints oder souveränes Verhalten bei Bärenkontakt hat, darf sich gerne jederzeit bei mir melden. Bis dahin viele Grüße und bis bald!

Hier noch ein paar Bilder der letzten Tage:

Independence – Bishop – Mammoth Lakes (959 Kilometer)

900 Kilometer eingeloggt

Get your ass on the pass

Florian D. frei nach einem T-Shirt-Aufdruck

Nachdem die Zusammenführung mit Anna an den Rae Lakes erfolgreich war, nahmen wir uns die Worte des großen Philosophen drei Zeilen über diesen hier zu Herzen und schnürten die Trailrunner nochmal richtig fest, denn ab hier wurde es wirklich sportlich. Pro Tag mussten wir von nun an mindestens einen Pass überqueren, bei einem Schnitt von täglich 25-30 Kilometern. Das führte mitunter zu Klageliedern und Flüchen beim Aufstieg, aber ebenso euphorischen Gefühlsausbrüchen bei Erreichen des Gipfels. Was sich uns dort oben an Ausblicken und Panoramen geboten hat, lässt sich leider weder in Worten noch Fotos wirklich beschreiben. Vielleicht kann man es erahnen, wenn ich sage, dass ich mir jedes mal Hans Zimmer an unsere Seite wünsche, wenn wir einen Gipfel erreicht haben und in die Täler schauen. Auch wenn wir es im Vorhinein oft gelesen hatten und es einem von den Einheimischen immer wieder grinsend angekündigt wird, dass von nun an der schönste Teil des PCT beginnt: Wie besonders und spektakulär die Sierra ist, begreift man wirklich erst, wenn man sie für längere Zeit durchwandert. Man taucht in eine Wildnis ein, die abgesehen von ein paar versprengten Wanderern völlig unberührt bleibt. Jeden Tag wandert man an riesigen Seelandschaften vorbei, überquert donnernde Wasserfälle und Flüsse und der Anblick der gewaltigen Berge, die hinter und vor einem liegen, erfüllt einen immer wieder mit Ehrfurcht (nicht zuletzt weil man weiß, dass man da gleich hoch muss^^). Wie fernab der Zivilisation man hier ist, zeigt sich auch am Verhalten der Tiere. Man wird überhaupt nicht als Bedrohung wahrgenommen. Die Hirsche, Murmeltiere und Streifenhörnchen laufen sogar teilweise neugierig auf uns zu. Manchmal fühlt es sich hier wirklich an, als wäre man Teil eines Disney-Settings aus den 50ern und wir alle kleine Schneewittchen, denen die Vögel und Hörnchen auf die Schulter springen, um ein Liedchen zu trällern.

Aber nun genug der Schwärmerei. Jetzt wird es aufregend!

Es erscheint nach wie vor fast unmöglich, aber zwischen diesem Video:

und diesem hier liegen nur knapp 4 Stunden.

Was ist passiert? Tja, trotz aller gewissenhaften Planung und mehrmaligem Checken der Wetterlage sind wir am John-Muir-Pass in einen Schneesturm geraten. Die Wolken wurden zum Gipfel hin immer dichter und dunkler, der Wind wandelte sich in richtige Sturmböen und schließlich setzte der Schnee ein. Da wir allem Anschein nach die einzigen Wanderer sind, die immer noch mit Eisaxt und Microspikes ausgerüstet sind, schlug jetzt unsere große Stunde und das mühselige Schleppen der 2-3 Kilo extra sollte sich endlich auszahlen! 💪Die Spikes machten das Gehen auf den vereisten Schneefeldern um einiges leichter. Immer schwieriger gestaltete sich jedoch die Orientierung, da Sturm und Schnee immer mehr zunahmen. Glücklicherweise konnten wir immer wieder Spuren von anderen Wanderern erkennen und somit dem Weg bis zum Gipfel folgen. Wir wussten, dass dort oben eine Schutzhütte steht, in die wir uns verkriechen können, sobald wir es geschafft haben. Daher war es nicht ganz so dramatisch. 🙂 Der Aufstieg auf diesen Pass ist auch nicht so wild, da er nicht steil ist und man dementsprechend an keiner Stelle irgendwo abstürzen kann. An einem der anderen Pässe (z.B. Forester) hätte es bei einer solchen Wetterlage anders ausgesehen, aber da wären wir auch ab einer bestimmten Stelle umgekehrt! Hier ein kurzes Video von dem Moment, als wir die Hütte erreicht haben:

Und siehe da, wir waren nicht die einzigen, die dort Zuflucht suchen mussten! 🙂

Insgesamt saßen dort schon 7 Leute und es sollten immer mehr werden. Die Stimmung war gut und jeder hatte den Plan, früher oder später wieder aufzubrechen, sobald der Schnee ein wenig nachlassen würde. Wir waren nach einer ausgedehnten Kaffeepause dann sogar die Ersten, die wieder den Rucksack schnürten und Richtung Tal aufgebrochen sind. Warum? Weil wir von allen (siehe oben) die beste Ausrüstung hatten, der Weg runter sehr flach war und daher harmlos, Wind und Schnee auf der anderen Seite des Passes uns nicht ganz so heftig entgegen schlugen und wir nicht zuletzt natürlich aufregende Abenteuergeschichten zuhause erzählen möchten! Es ging dann auch alles gut. Es war zwar immer noch sehr nass und kalt, aber der Weg war leichter zu finden und so kamen wir nach knapp 4 Stunden an einem wunderschönen See an, die Sonne legte plötzlich einen grandiosen Auftritt hin und begleitete uns die letzten Meilen bis zu unserem Zeltplatz. Die beiden Szenerien an diesem Tag könnten nicht unterschiedlicher sein. Aber der John-Muir-Pass ist für seine ausgedehnten Schneefelder bis in den August hinein bekannt. Warum es nur dort so ist? Ich tippe auf eine Wetterhexe, die dort oben ihr Unwesen treibt…

Die restlichen Tage ging es dann bei bestem Wetter in Richtung Mammoth Lakes, wo wir uns heute Abend das größte T-Bone-Steak gönnen, das der Ort zu bieten hat! Jetzt gerade im Moment würde ich das ganze Rind bestellen! 🐂

Hier wie immer ein paar Bilder der letzten Tage:

Kennedy Meadows – Lone Pine (627 Kilometer)

Und es geht weiter!

Dieses Mal wirklich!

Wie ich schon im Begrüßungstext dieses Blogs angedeutet habe, speist sich ein Teil der Spannung, die meine Wanderung ausmacht, aus der Frage, ob ich die Distanz Mexiko-Kanada überhaupt schaffen werde. Leider hat mir mein Körper (zumindest die rechte untere Seite) hier mittlerweile einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nachdem das Schienbein wieder grünes Licht gegeben hatte, dachte sich genau einen Tag später mein Knie, es zeigt auch mal, dass es noch da ist und so fand mein großer Aufbruch in die High Sierra nach 27 Kilometern schon wieder ein jähes Ende. Einigermaßen zerknirscht ging es also zurück nach Kennedy Meadows (ich humpelnd und in Selbstmitleid zerfließend, Anna gehend), wo wir relativ schnell den Plan fassten, nach Costa Rica zu fliegen, wo ich einen knappen Monat mein Bein hoch legen und Anna bei der Wiedereinreise in die USA ihr Visum verlängern kann. Auch wenn ich mir nun eingestehen musste, dass ich Kanada unter diesen Umständen wohl nicht mehr erreichen werde, wäre Selbstmitleid angesichts dieser Alternative von nun an wohl mehr als unsympathisch gewesen und so hörte ich auf der Stelle auf damit!

Costa Rica war wirklich grandios und die Erfahrung, nachts nun nicht mehr von Koyoten, sondern morgens von Brüllaffen hinter dem Haus geweckt zu werden, ziemlich surreal. 🙂 Da dies hier aber kein allgemeiner Reiseblog ist, sondern den Pacific Crest Trail im Auge behalten soll, beschränke ich mich, was den Mai angeht, auf die zwei Eindrücke hier:

Das zweitlauteste Tier der Welt (nach dem Buckelwal 🐳)

Und wie immer vorab erst einmal:

Nach langer Pause die nächsten 100 Kilometer geknackt!

Ein paar aufmerksame Leser werden schon erraten haben, dass auf diesem Bild mal ausnahmsweise nicht Sterni die Hauptrolle spielt, sondern ein sehr berühmter Hinterkopf! Dieser gehört zu Flo, der den langen Weg von Mannheim auf sich genommen hat, um mit uns die nächsten vier Wochen durch die Sierras zu wandern. Die Wiedersehensfreude war natürlich groß und da sie in Las Vegas stattfand auch dementsprechend feucht-fröhlich.

Es wurde allerhöchste Zeit, zurück auf den Trail zu kommen!

Mit einem Mietwagen ging es dann 2 Tage später nach Ridgecrest, von wo aus uns ein netter Trailangel namens Valerie zurück nach Kennedy Meadows gebracht hat. Auch wieder mit an Bord ist übrigens Kevin, der sich nach noch längerer Auszeit entschieden hat, dem Club der Rekonvaleszenten beizutreten und den PCT ebenfalls ein zweites Mal in Angriff zu nehmen.


Illustre Zusammenkunft
in Ridgecrest: Flo, Kevin und Gandalf, the Green (war auch länger raus und hat sich spontan angeschlossen)

Ich gebe zu, ich war nicht sehr optimistisch, was mein Knie angeht. Es zwickte hier und da immer mal wieder und ich befürchtete, dass die Entzündung nach den ersten 10 Kilometern mit Bärenkanister und Eisaxt auf dem Buckel gleich wieder aufbrechen würde und ich sodann den Walk of Shame zum zweiten Mal zurück nach Kennedy Meadows antreten müsste. Ich war dementsprechend vorsichtig mit Prognosen. Erst einmal wollte ich die 4 Tage bis Lone Pine abwarten. Und um es kurz machen: es lief wie am Schnürchen! Die 80 Kilometer hatten es in sich, das lag aber in erster Linie an Hitze und Höhe. Alleine in diesen vier Tagen waren wir drei Mal auf über 3000 Meter, was Japsen und Keuchen aufgrund der dünnen Luft hörbar zunehmen ließ. Dem Knie war das aber egal und es nahm brav jeden Schritt auf sich.

Flo hat sich souverän in das Hikerleben eingefügt. Anna, er und ich laufen alle ein ähnliches Tempo und auch die Hygiene-Standards bereiten ihm augenscheinlich keinerlei Probleme. 🙂 Kopfzerbrechen hinterlässt bei ihm lediglich die Suche eines geeigneten Trailnamen. Zur Wahl stehen Zen und Jamba. Wer sich an der Wahl beteiligen möchte, darf seinen Favoriten gerne in den Kommentaren hinterlassen. ✍️

Nun geht’s morgen frisch geduscht zurück auf den Trail, wo uns in den nächsten Tagen gleich der höchste Punkt auf dem Pacific Crest Trail erwartet: Der Forester-Pass (4026 Meter) 🗻

Zum Schluss noch ein paar Bilder und die High Sierra von oben (hat Kevin vom Flugzeug aus aufgenommen):

Ridgecrest – Kennedy Meadows (502 Kilometer)

"Und weiter geht der Lachs"
T. Boyd
Kilometer 500 geknackt

Hello again! Meine Entzündung im Schienbein hatte sich trotz eigener gegenteiliger Prognose (10 Semester Google-Medizinstudium sollten als Qualifikation eigentlich genügen) leider doch hartnäckiger gehalten als gedacht, sodass ich die letzten 14 Tage mehr oder weniger flach lag. Eine Woche verbrachte ich in Big Bear Lake und eine weitere in San Bernardino, um mich dort röntgen zu lassen und eine Fraktur oder Ähnliches auszuschließen. Da ich diese Tage im Großen und Ganzen mit Essen und Herumliegen verbracht habe (kleiner Flashback in die Landauer Studentenzeit ❤️), gab es hier im Blog nicht viel zu berichten und dachte ich mir, ich tu uns allen einen Gefallen, verzichte auf detaillierte Beschreibungen meines kurzzeitigen Dahinsiechens und warte, bis es wieder auf den Trail zurück geht.

Ok, vielleicht eine Sache… In Big Bear Lake gibt es ein Laden, der einen interessanten Wettbewerb ausruft: Wer es schafft, innerhalb einer Stunde 6 Pfannkuchen in Pizzagröße zu vertilgen, bekommt 50 Dollar und ein eingerahmtes Foto an der Wand! Anna hat es versucht und nach einem halben aufgegeben. Ein Kriegsveteran (dem Alter entsprechend tippe ich auf Korea), der hinter uns saß, zollte ihr dennoch seinen Respekt.

Das war es dann auch schon an berichtenswerten Ereignissen aus den letzten 2 Wochen.

Meinem Schienbein geht es nun wieder gut, ich habe die Schuhe gewechselt, bin wieder auf die bewährten deutschen Wanderstiefel umgestiegen und habe nach längerer Überlegung zusammen mit Anna entschieden, einen Sprung nach vorne zu machen, sodass wir jetzt schon in die Sierra starten. Annas Visum läuft in knapp einem Monat ab und ich erwarte Ende Mai meinen Kumpel Flo hier auf dem Trail, der dann die Section in Nordkalifornien mitwandern wird. Spätestens bis dahin müssen wir also durch sein mit der Sierra. Nachdem ich nun 14 Tage fast keinen Meter laufen konnte, wäre das alles sehr knapp geworden. Daher die Entscheidung, zu schummeln. Was so allerdings auch nicht ganz stimmt, da ich lediglich einen Flip Flop mache. Das bedeutet, ich überspringe einen Teil und hole diesen dann am Ende nach. So handhaben es die wahren Puristen. Ob ich so einer bin, sehen wir dann im August. Was die Spendenaktion angeht, wird natürlich nicht geschummelt, da werden nur die Kilometer gezählt, die ich wirklich gelaufen bin. ☝️

Ein Highlight gab es dann aber tatsächlich noch vor 3 Tagen. Kevin, der die Wanderung verletzungsbedingt leider unterbrechen musste und schon seit 3 Wochen wieder zuhause in San Francisco war, kam den weiten Weg von dort runter, um noch ein bisschen Zeit mit uns zu verbringen und uns mit seinem Auto von San Bernardino nach Ridgecrest zu bringen, was der Ausgangspunkt unseres Comebacks sein würde. Bedenkt man, dass allein die Hinfahrt für ihn schon über 7 Stunden dauerte, war Kevin an dem Wochenende für uns ein sehr exklusiver Trailangel. Vielleicht schon fast ein Erztrailangel. 🕊️ Aus einem Gefühl tiefer Dankbarkeit heraus habe ich ihn dann 2 Mal hintereinander im Kniffel gewinnen lassen.

Und wie das einführende Zitat eines bekannten Kaiserslauterer Philosophen schon verdeutlicht hat: Es geht endlich weiter! Und das gleich in der High Sierra, dem Filetstück des Pacific Crest Trails. Die Section erstreckt sich von Kennedy Meadows bis Lake Tahoe und führt uns gleich in der ersten Woche über den höchsten Punkt des gesamten PCT, den Forester Pass (4300 Meter). Die 14 Pässe, die dann noch folgen, haben eine ähnliche Höhe, was die nächsten Wochen ziemlich sportlich gestalten dürfte. Und es wird eisig! Man hört immer wieder, dass dort die Mahlzeiten eher kalt gegessen wird (Cold Soaking), da man den Gaskocher zum Aufwärmen der gefrorenen Socken braucht. Und wo wir schon beim Essen sind: ab jetzt müssen wir immer Lebensmittel für knapp 8-9 Tage in die Rucksäcke packen, da die Ortschaften sehr rar gesät sein werden, in denen man die Vorräte aufstocken kann. Alles in allem also ein richtig schöner Urlaub, der uns bevorsteht! 🥰

Was dem Rucksack auch noch ein bisschen mehr Gewicht und den Nächten umso mehr Spannung verleiht, ist ein Equipment, das wir ab jetzt per Gesetz mit uns führen müssen: Der Bärenkanister 🐻

Alle Lebensmittel und Düfte verströmenden Dinge wie Zahnpasta, Sonnencrėme etc. müssen von nun an nachts in dieses Teil gepackt und in einer Entfernung mindestens 200 vom Zelt entfernt abgelegt werden. Und warum der ganze Stress? Richtig vermutet: wir wandern die nächsten Wochen im Bärengebiet und alles, was den braunen Zottel anlocken könnte, sollte möglichst weit entfernt sein in der Nacht. Dieser Kanister ist so konstruiert, dass kein Bär dieser Welt (von den Versuchen gibt es ein paar Youtube-Videos) und Anna Hautmann (von diesen kläglichen Versuchen wahrscheinlich demnächst ebenfalls) ihn öffnen können. Es ist natürlich einerseits tröstlich, alle Schokoriegel und Instantnudeln in Sicherheit zu wissen, die Prozedur in der Abenddämmerung, wenn man das Ding hinter die Büsche trägt, hinterlässt aber auch ein mulmiges Gefühl. Am Ende entscheidet der halbgar gespülte Topf über Bär oder nicht Bär vorm Zelteingang… In der ersten Nacht bin ich gegen 2.30 Uhr mit Herzklopfen hoch geschreckt, weil ich mir sicher war, dass sich da gerade etwas Schweres durch die Büsche auf uns zu bewegt! Es war dann aber doch nur Anna, die sich im Nachbarzelt umgedreht hatte. Ich muss mit ihr über die Geräuschproduktion ihrer Isomatte sprechen. Dringend!

Bevor es dann morgen in die Berge geht, hier noch ein paar Bilder der letzten Tage und den Survival-Tipp der Woche (der so tatsächlich überall reklamiert wird!):

Sollte man unvorhergesehen auf einen Bären treffen, dann sollte man sich möglichst groß machen (Wanderstöcke hoch), nicht umdrehen und in einem lauten und bestimmenden Ton mit ihm sprechen. So als wäre er ein Hund.

Ob ich in einer solchen Situation wirklich derart souverän reagiere, wird man dann sehen. Normalerweise treiben mir schon mittelgroße Bauernhofhunde Schweißperlen auf die Stirn. Aber die Stöcke hab ich immer dabei und das Mantra „Du bist ein Rauhaardackel, du bist nur ein kleiner Rauhaardackel!“ ist fest eingeprägt!