Kennedy Meadows – Lone Pine (627 Kilometer)

Und es geht weiter!

Dieses Mal wirklich!

Wie ich schon im Begrüßungstext dieses Blogs angedeutet habe, speist sich ein Teil der Spannung, die meine Wanderung ausmacht, aus der Frage, ob ich die Distanz Mexiko-Kanada überhaupt schaffen werde. Leider hat mir mein Körper (zumindest die rechte untere Seite) hier mittlerweile einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nachdem das Schienbein wieder grünes Licht gegeben hatte, dachte sich genau einen Tag später mein Knie, es zeigt auch mal, dass es noch da ist und so fand mein großer Aufbruch in die High Sierra nach 27 Kilometern schon wieder ein jähes Ende. Einigermaßen zerknirscht ging es also zurück nach Kennedy Meadows (ich humpelnd und in Selbstmitleid zerfließend, Anna gehend), wo wir relativ schnell den Plan fassten, nach Costa Rica zu fliegen, wo ich einen knappen Monat mein Bein hoch legen und Anna bei der Wiedereinreise in die USA ihr Visum verlängern kann. Auch wenn ich mir nun eingestehen musste, dass ich Kanada unter diesen Umständen wohl nicht mehr erreichen werde, wäre Selbstmitleid angesichts dieser Alternative von nun an wohl mehr als unsympathisch gewesen und so hörte ich auf der Stelle auf damit!

Costa Rica war wirklich grandios und die Erfahrung, nachts nun nicht mehr von Koyoten, sondern morgens von Brüllaffen hinter dem Haus geweckt zu werden, ziemlich surreal. 🙂 Da dies hier aber kein allgemeiner Reiseblog ist, sondern den Pacific Crest Trail im Auge behalten soll, beschränke ich mich, was den Mai angeht, auf die zwei Eindrücke hier:

Das zweitlauteste Tier der Welt (nach dem Buckelwal 🐳)

Und wie immer vorab erst einmal:

Nach langer Pause die nächsten 100 Kilometer geknackt!

Ein paar aufmerksame Leser werden schon erraten haben, dass auf diesem Bild mal ausnahmsweise nicht Sterni die Hauptrolle spielt, sondern ein sehr berühmter Hinterkopf! Dieser gehört zu Flo, der den langen Weg von Mannheim auf sich genommen hat, um mit uns die nächsten vier Wochen durch die Sierras zu wandern. Die Wiedersehensfreude war natürlich groß und da sie in Las Vegas stattfand auch dementsprechend feucht-fröhlich.

Es wurde allerhöchste Zeit, zurück auf den Trail zu kommen!

Mit einem Mietwagen ging es dann 2 Tage später nach Ridgecrest, von wo aus uns ein netter Trailangel namens Valerie zurück nach Kennedy Meadows gebracht hat. Auch wieder mit an Bord ist übrigens Kevin, der sich nach noch längerer Auszeit entschieden hat, dem Club der Rekonvaleszenten beizutreten und den PCT ebenfalls ein zweites Mal in Angriff zu nehmen.


Illustre Zusammenkunft
in Ridgecrest: Flo, Kevin und Gandalf, the Green (war auch länger raus und hat sich spontan angeschlossen)

Ich gebe zu, ich war nicht sehr optimistisch, was mein Knie angeht. Es zwickte hier und da immer mal wieder und ich befürchtete, dass die Entzündung nach den ersten 10 Kilometern mit Bärenkanister und Eisaxt auf dem Buckel gleich wieder aufbrechen würde und ich sodann den Walk of Shame zum zweiten Mal zurück nach Kennedy Meadows antreten müsste. Ich war dementsprechend vorsichtig mit Prognosen. Erst einmal wollte ich die 4 Tage bis Lone Pine abwarten. Und um es kurz machen: es lief wie am Schnürchen! Die 80 Kilometer hatten es in sich, das lag aber in erster Linie an Hitze und Höhe. Alleine in diesen vier Tagen waren wir drei Mal auf über 3000 Meter, was Japsen und Keuchen aufgrund der dünnen Luft hörbar zunehmen ließ. Dem Knie war das aber egal und es nahm brav jeden Schritt auf sich.

Flo hat sich souverän in das Hikerleben eingefügt. Anna, er und ich laufen alle ein ähnliches Tempo und auch die Hygiene-Standards bereiten ihm augenscheinlich keinerlei Probleme. 🙂 Kopfzerbrechen hinterlässt bei ihm lediglich die Suche eines geeigneten Trailnamen. Zur Wahl stehen Zen und Jamba. Wer sich an der Wahl beteiligen möchte, darf seinen Favoriten gerne in den Kommentaren hinterlassen. ✍️

Nun geht’s morgen frisch geduscht zurück auf den Trail, wo uns in den nächsten Tagen gleich der höchste Punkt auf dem Pacific Crest Trail erwartet: Der Forester-Pass (4026 Meter) 🗻

Zum Schluss noch ein paar Bilder und die High Sierra von oben (hat Kevin vom Flugzeug aus aufgenommen):

Ridgecrest – Kennedy Meadows (502 Kilometer)

"Und weiter geht der Lachs"
T. Boyd
Kilometer 500 geknackt

Hello again! Meine Entzündung im Schienbein hatte sich trotz eigener gegenteiliger Prognose (10 Semester Google-Medizinstudium sollten als Qualifikation eigentlich genügen) leider doch hartnäckiger gehalten als gedacht, sodass ich die letzten 14 Tage mehr oder weniger flach lag. Eine Woche verbrachte ich in Big Bear Lake und eine weitere in San Bernardino, um mich dort röntgen zu lassen und eine Fraktur oder Ähnliches auszuschließen. Da ich diese Tage im Großen und Ganzen mit Essen und Herumliegen verbracht habe (kleiner Flashback in die Landauer Studentenzeit ❤️), gab es hier im Blog nicht viel zu berichten und dachte ich mir, ich tu uns allen einen Gefallen, verzichte auf detaillierte Beschreibungen meines kurzzeitigen Dahinsiechens und warte, bis es wieder auf den Trail zurück geht.

Ok, vielleicht eine Sache… In Big Bear Lake gibt es ein Laden, der einen interessanten Wettbewerb ausruft: Wer es schafft, innerhalb einer Stunde 6 Pfannkuchen in Pizzagröße zu vertilgen, bekommt 50 Dollar und ein eingerahmtes Foto an der Wand! Anna hat es versucht und nach einem halben aufgegeben. Ein Kriegsveteran (dem Alter entsprechend tippe ich auf Korea), der hinter uns saß, zollte ihr dennoch seinen Respekt.

Das war es dann auch schon an berichtenswerten Ereignissen aus den letzten 2 Wochen.

Meinem Schienbein geht es nun wieder gut, ich habe die Schuhe gewechselt, bin wieder auf die bewährten deutschen Wanderstiefel umgestiegen und habe nach längerer Überlegung zusammen mit Anna entschieden, einen Sprung nach vorne zu machen, sodass wir jetzt schon in die Sierra starten. Annas Visum läuft in knapp einem Monat ab und ich erwarte Ende Mai meinen Kumpel Flo hier auf dem Trail, der dann die Section in Nordkalifornien mitwandern wird. Spätestens bis dahin müssen wir also durch sein mit der Sierra. Nachdem ich nun 14 Tage fast keinen Meter laufen konnte, wäre das alles sehr knapp geworden. Daher die Entscheidung, zu schummeln. Was so allerdings auch nicht ganz stimmt, da ich lediglich einen Flip Flop mache. Das bedeutet, ich überspringe einen Teil und hole diesen dann am Ende nach. So handhaben es die wahren Puristen. Ob ich so einer bin, sehen wir dann im August. Was die Spendenaktion angeht, wird natürlich nicht geschummelt, da werden nur die Kilometer gezählt, die ich wirklich gelaufen bin. ☝️

Ein Highlight gab es dann aber tatsächlich noch vor 3 Tagen. Kevin, der die Wanderung verletzungsbedingt leider unterbrechen musste und schon seit 3 Wochen wieder zuhause in San Francisco war, kam den weiten Weg von dort runter, um noch ein bisschen Zeit mit uns zu verbringen und uns mit seinem Auto von San Bernardino nach Ridgecrest zu bringen, was der Ausgangspunkt unseres Comebacks sein würde. Bedenkt man, dass allein die Hinfahrt für ihn schon über 7 Stunden dauerte, war Kevin an dem Wochenende für uns ein sehr exklusiver Trailangel. Vielleicht schon fast ein Erztrailangel. 🕊️ Aus einem Gefühl tiefer Dankbarkeit heraus habe ich ihn dann 2 Mal hintereinander im Kniffel gewinnen lassen.

Und wie das einführende Zitat eines bekannten Kaiserslauterer Philosophen schon verdeutlicht hat: Es geht endlich weiter! Und das gleich in der High Sierra, dem Filetstück des Pacific Crest Trails. Die Section erstreckt sich von Kennedy Meadows bis Lake Tahoe und führt uns gleich in der ersten Woche über den höchsten Punkt des gesamten PCT, den Forester Pass (4300 Meter). Die 14 Pässe, die dann noch folgen, haben eine ähnliche Höhe, was die nächsten Wochen ziemlich sportlich gestalten dürfte. Und es wird eisig! Man hört immer wieder, dass dort die Mahlzeiten eher kalt gegessen wird (Cold Soaking), da man den Gaskocher zum Aufwärmen der gefrorenen Socken braucht. Und wo wir schon beim Essen sind: ab jetzt müssen wir immer Lebensmittel für knapp 8-9 Tage in die Rucksäcke packen, da die Ortschaften sehr rar gesät sein werden, in denen man die Vorräte aufstocken kann. Alles in allem also ein richtig schöner Urlaub, der uns bevorsteht! 🥰

Was dem Rucksack auch noch ein bisschen mehr Gewicht und den Nächten umso mehr Spannung verleiht, ist ein Equipment, das wir ab jetzt per Gesetz mit uns führen müssen: Der Bärenkanister 🐻

Alle Lebensmittel und Düfte verströmenden Dinge wie Zahnpasta, Sonnencrėme etc. müssen von nun an nachts in dieses Teil gepackt und in einer Entfernung mindestens 200 vom Zelt entfernt abgelegt werden. Und warum der ganze Stress? Richtig vermutet: wir wandern die nächsten Wochen im Bärengebiet und alles, was den braunen Zottel anlocken könnte, sollte möglichst weit entfernt sein in der Nacht. Dieser Kanister ist so konstruiert, dass kein Bär dieser Welt (von den Versuchen gibt es ein paar Youtube-Videos) und Anna Hautmann (von diesen kläglichen Versuchen wahrscheinlich demnächst ebenfalls) ihn öffnen können. Es ist natürlich einerseits tröstlich, alle Schokoriegel und Instantnudeln in Sicherheit zu wissen, die Prozedur in der Abenddämmerung, wenn man das Ding hinter die Büsche trägt, hinterlässt aber auch ein mulmiges Gefühl. Am Ende entscheidet der halbgar gespülte Topf über Bär oder nicht Bär vorm Zelteingang… In der ersten Nacht bin ich gegen 2.30 Uhr mit Herzklopfen hoch geschreckt, weil ich mir sicher war, dass sich da gerade etwas Schweres durch die Büsche auf uns zu bewegt! Es war dann aber doch nur Anna, die sich im Nachbarzelt umgedreht hatte. Ich muss mit ihr über die Geräuschproduktion ihrer Isomatte sprechen. Dringend!

Bevor es dann morgen in die Berge geht, hier noch ein paar Bilder der letzten Tage und den Survival-Tipp der Woche (der so tatsächlich überall reklamiert wird!):

Sollte man unvorhergesehen auf einen Bären treffen, dann sollte man sich möglichst groß machen (Wanderstöcke hoch), nicht umdrehen und in einem lauten und bestimmenden Ton mit ihm sprechen. So als wäre er ein Hund.

Ob ich in einer solchen Situation wirklich derart souverän reagiere, wird man dann sehen. Normalerweise treiben mir schon mittelgroße Bauernhofhunde Schweißperlen auf die Stirn. Aber die Stöcke hab ich immer dabei und das Mantra „Du bist ein Rauhaardackel, du bist nur ein kleiner Rauhaardackel!“ ist fest eingeprägt!