2. Lake Morena – Julian (122 km)

Das Wichtigste vorab:

Es ist soweit: Die ersten 100 Kilometer sind geknackt und Sterni hat sich an Ort und Stelle in Pose geworfen

Eigentlich wollte ich gleich zu Beginn mit dem Morgen nach der spektakulären Koyoten-Attacke (Kenner erkennen hier das Stilmittel der Rings’schen Übertreibung) beginnen, aber aus aktuellem Anlass ein kurzer Einblick in meinen Feierabend: Was macht die Ankunft nach einer sehr anstrengenden 26 km langen Wanderung durch Staub und Hitze so richtig rund? Genau: Man tritt mit dem ersten Schritt aus dem Wanderschuh sofort in einen Kaktus! Es ist fast schon lächerlich klischeehaft für die Wüste, aber dennoch passiert. 😃 Nach einem kurzen, aber markerschütternden Hilfeschrei kam Anna sofort hoch gerannt und hat den Kaktus aus dem Fuß gezogen.

Dass sie nach 6 Tagen Wanderung diesen Fuß in die Hand nimmt, grenzt an Heldenmut.

Ansonsten war der Tag, so wie die letzten auch, wunderschön. Die Landschaft ist sagenhaft beeindruckend und bei weitem nicht so karg wie ich sie mir vorgestellt hatte. Die letzte Nacht verbrachten wir mit einigen anderen Wanderern auf einem Höhenkamm, die Aussicht war spektakulär:

So langsam bildet sich eine feste Gruppe von 10-15 Wanderern heraus, die sich über die Tage verteilt regelmäßig wieder trifft. Zum meinem festen Stamm gehören Anna, Larissa, Kevin aus San Francisco und Derryl (den ich morgen mal fragen muss wo er wohnt^^). Beide sind 66 bzw. 65 Jahre alt und kennen sich hier in der Gegend ganz gut aus. Wir verbringen die meisten Pausen zusammen und finden und verabreden uns für die Zeltplätze. So auch heute Abend.

Die Tramily
Kevin
Derryl

Und wo ist Søren? Unser dänischer Freund musste am Mt. Laguna eine Pause einlegen, da er sich ein „Resupply“ – Paket (Versorgung) dorthin geschickt hatte, das Postamt genau an dem Tag leider ab 11 geschlossen war und der Tag darauf ein Sonntag. Wir sehen ihn aber wieder auf dem Trail, das ist sicher. A propos Mt. Laguna: Mit Wüste hatte die Landschaft da oben mal gar nichts zu tun. Erst einmal lag dort teilweise Schnee, es sah aus wie in Kanada und überall roch es nach Tannen. Nachts begann es dann auch noch zu stürmen und der Regen prasselte aufs Zeltdach. Der erste Härtetest für die Ausrüstung…

Und nun zu einer wichtigen Angelegenheit: Auf dem ersten Bild unten seht ihr auf einem Felsen neben Søren sitzend die Dame Second Chance. Ja genau, so wird sie genannt. Denn eine beliebte Tradition auf dem PCT ist, dass man einen sogenannten Trailnamen verpasst bekommt. Dieser beinhaltet irgendeine persönliche Eigenschaft oder Geschichte, die man erlebt hat. Teilweise ist es ein bisschen kitschig, aber es gibt auch witzige Ideen. Bisher kenne ich Crash (wurde scheinbar mal von einem Auto angefahren), Second Chance (eine ältere Dame, die den Weg zum zweiten Mal versucht zu laufen, da sie beim letzten Mal an Meningitis erkrankte), Blessing (eine Koreanerin, die ganz im Sinne des Ultraleichtwanderns eine echte Bibel im Gepäck hat) und Legend (der…. na ja, scheinbar eine Legende hier auf dem Weg ist und mir immerhin schonmal eine Dose Eistee in die Hand gedrückt hat, guter Mann).

Second Chance und Søren. Meinen Vorschlag, ihn Petterson zu taufen, hat er freundlich abgelehnt.

Unsere Tage entwickeln so langsam einen festen Rhythmus. Man steht früh auf, packt alles zusammen, verabredet sich für den nächsten Treffpunkt und dann macht sich jeder auf den Weg. Abends sucht man sich einen schönen Platz aus, baut sein Zelt auf, schmeißt die Gaskocher an, isst zusammen und dann geht’s um spätestens 21 Uhr in den Schlafsack (Hiker Midnight). Der Rucksack fühlt sich von Tag zu Tag leichter an, die Distanzen werden länger und die Eitelkeit nimmt erschreckend rapide ab („Hey, du hast da was Braunes im Gesicht.“ „Oh danke, das schau ich mir heut Abend mal an. Oder morgen.“) Heute ging es dann per Anhalter in das kleine Städtchen Julian, wo fast alle ihren ersten Zero Day einlegen. Also ein Tag, an dem nicht gewandert, aber viel gegessen wird. Und geduscht!

Hier noch ein paar Bilder aus den letzten Tagen. Doch zuvor mein Fail der Woche: Als ich gestern die neue Tube Zahnpasta anbrechen wollte, musste ich feststellen, dass ich am Lake Morena aus Versehen Haftcrème für die Dritten gekauft habe. Ich muss dringend an meinem Englisch arbeiten…

1. Campo – Lake Morena

Nachdem wir unsere Körper die letzten Tage in San Diego noch mit Junkfood und weiteren kulinarischen Schweinereien stählen durften (der Vorrat könnte ja noch überlebenswichtig werden^^), wuchteten wir diese am 16. März endlich in den gecharterten PCT-Shuttlebus, der uns an den Ausgangspunkt des Pacific-Crest-Trails bringen sollte. Mit uns fuhren eine wahnsinnig aufgeregte Kanadierin, ein schweigsamer älterer Amerikaner und ein Däne namens Søren. Die Fahrt dauerte 2 Stunden und wurde mit lustigen Späßen des Fahrers begleitet („Achtung, Border Police! Alle Europäer die Köpfe runter!“). Ein Europäer tat es tatsächlich… 🙂 Es war schon alles sehr spannend. Man plant dieses Abenteuer mehrere Monate oder länger ( Søren 4 Jahre!) und dann geht es plötzlich los. Direkt am Startpunkt trafen wir dann auf weitere Wanderer, mit denen das Smalltalk-Thema Nummer 1 auf dem PCT sofort angegangen wurde: „Wieviel wiegt dein Rucksack so?“ Und dann der beschämt frustrierte Gedanke: „Verdammt, was habe ich falsch gemacht? Die Powerbank kann es nicht sein… 🤔“ Nach den obligatorischen Foto-Shoots am Startpunkt lernten wir noch kurz Marvin aus Rottweil kennen. Da er allerdings weitaus schmaler, jünger und sportlicher erschien, gehe ich fest davon aus, ihn nie wieder zu sehen. Wir suchten also das erste Wegzeichen, folgten diesem, trafen kurz danach auf einer kleinen Wiese auf Holger aus Heidelberg und dann ging es tatsächlich los. Die Landschaft zeigte sich direkt viel schöner als erwartet. Zwischendurch trafen wir eine Familie mit (und jetzt Obacht!) 3 kleinen Kindern, die den Trail ebenfalls laufen. Zumindest so weit die Kinder es schaffen. Søren trafen wir auch wieder. Er hat sich als unser erster Hike-Buddy entpuppt, abends schlug er sein Zelt an dem gleichen Platz auf wie wir und wir aßen gemeinsam zu Abend. Und dann kam der Oha-Effekt des Tages. Søren hatte ich die ganze Zeit als älteren Opi betrachtet, auf den wir ein bisschen Acht geben könnten und der exakt so aussieht wie Petterson aus den Kinderbüchern. Als ich ihn im Laufe des Gesprächs irgendwann fragte, ob er wüsste, wie man eine Eisaxt benutzt (klassisches Thema hier neben Rucksackgewicht) musste er lachen und sagte „Yes“. Er leitete nämlich in den 70ern mehrere Forschungsexpeditionen in Grönland und war leidenschaftlicher Eiskletterer. Was soll ich sagen… Søren verlor sofort jegliche Petterson-und-Findus-Haftigkeit bei mir. Ich hoffe jetzt eher, er kümmert sich um mich, falls es mal schlecht laufen sollte. Auf alle Fälle zeigt er uns den richtigen Umgang mit einer Eisaxt, wenn es in den ersten Schnee geht 🙂

Ich präsentiere: „Sterni“, der mir vom Kinderhospiz Sterntaler am Ende meiner Zeit dort als Wanderbegleitung überreicht wurde. Immer wenn von nun an ein Bild von Sterni erscheint, haben wir eine 100 km-Marke geknackt und die Challenge-Spender wissen Bescheid. 🙂

Nach einer sehr langen und bitterkalten Nacht ging es dann heute weiter an den Lake Moreno. Die größte Herausforderung der ersten Tage stellt das Planen des Wasservorrats dar. Man muss immer gut überlegen, wieviel gerade genug ist, um nicht zu dehydrieren und wann es zuviel wird und man unter dem Gewicht fast zusammenbricht. Für all das gibt es den „Water Report“ und die App „Far Out“, in der Wanderer angeben, ob eine Quelle Wasser führt oder ausgetrocknet ist. Findet man eine, wird sofort der Wasserfilter ausgepackt und alle Flaschen und Soft-Bottles werden wieder aufgefüllt. Am besten macht man auch an jeder Quelle einen sogenannten „Camel-Up“, also soviel trinken wie man nur kann. 🐫 Den zweiten Tag beschreibe ich ein wenig schneller. Es war sehr warm, die Landschaft ähnlich wie gestern, nur ging es ein bisschen mehr bergauf. Zwischendurch habe ich einen nicht ganz so smarten Wanderer gesehen, der einen Strommast hoch geklettert ist um oben „Yeah!“ zu schreien. Kids…

Abends saßen Anna, Søren und Larissa aus Österreich (mit der ich mich schon im Dezember zum gemeinsamen Wandern verabredet hatte) und ich im Diner von unserem Campingplatz am Lake Morena und freuten uns über die besten Burger der Welt. Zumindest für heute…

Breaking News: Gerade als ich die Zeilen hier schreibe, hör ich plötzlich folgendes Tier und flüchte ins Zelt. Ich glaube tatsächlich, es ist ein Koyote… 🤔 Und ich dachte, der krasseste Wildlife-Moment heute wäre die Vogelspinne gewesen, die bei der Mittagspause über meinen Bauch krabbelte und sich als kleiner Käfer entpuppte 🙂

Hört selbst 👀